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Blog von Dominic Zschokke

Ein offe­nes Geheim­nis

Nach der über­stürz­ten und vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt als ille­gal beur­teil­ten Her­aus­ga­be von Bank­kun­den­da­ten an die USA steht die Schweiz erneut unter gewal­ti­gem Druck. Wie­der geht die­ser von einem Land aus, wel­ches — wahr­schein­lich zu Recht — hin­ter­zo­ge­ne Steu­er­gel­der in Mil­li­ar­den­hö­he auf Schwei­zer Bank­kon­ten ver­mu­tet. Die deut­sche Regie­rung scheint gewillt, einem Daten­dieb eine CD mit detail­ier­ten Anga­ben zu deut­schen Steu­er­sün­dern abzu­kau­fen. Dass die deut­sche Regie­rung nicht davor zurück­schreckt, Geschäf­te mit Kri­mi­nel­len zu machen, ver­an­schau­licht nicht nur den Zustand der Polit­kul­tur in unse­rem Nach­bar­land son­dern auch die gäh­nend lee­ren Kas­sen des deut­schen Staa­tes. Deutsch­lands mora­li­sche, recht­li­che und finan­zi­el­le Pro­ble­me sind jedoch bedeu­tungs­los im Ver­gleich zur fun­da­men­ta­len Sys­tem­kri­se, wel­che die Schweiz erfasst hat.

Durch kon­zer­tier­ten Druck aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und unse­ren direk­ten Nach­bar­län­dern ist in der Schweiz ein heil­lo­ses recht­staat­li­ches und poli­ti­sches Durch­ein­an­der aus­ge­bro­chen, wel­ches die Grund­fes­te der Schwei­zer Alpen­fes­tung erschüt­tert. Jahr­zehn­te lang ver­schanz­te sich die Schweiz hin­ter dem Mythos der Neu­tra­li­tät und des Bank­ge­heim­nis­ses. Wie neu­tral aber ist es, Kon­ten von Dik­ta­to­ren und Ver­bre­chern und Schwarz­kon­ten von Steu­ern­be­trü­gern zu ver­wal­ten? Das Bank­ge­heim­nis, einst als Schutz des Kun­den vor den Ban­ken gedacht, wur­de zu einem offen­kun­di­gen Anreiz, Geld im gros­sen Stil vor dem Zugriff des Fis­kus auf Schwei­zer Ban­ken zu ver­ste­cken. Auf Kos­ten unse­rer Nach­barn haben wir uns Jahr­zehn­te lang berei­chert, wäh­rend wir unse­re Hän­de in Unschuld wuschen. Dar­auf haben wir unse­ren Wohl­stand auf­ge­baut. Das ist die Lebens­lü­ge der Schweiz.

Unwahr­schein­lich ist, dass das Bank­ge­heim­nis in der jetz­ti­gen Form auf­recht erhal­ten wer­den kann, nach­dem die Gross­ban­ken ihre Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren haben und von staat­li­cher Sei­te wie­der an die kur­ze Lei­ne gelegt wer­den. Die Ban­ken haben ihren Bonus ver­spielt, nach­dem sie alle Rela­tio­nen ver­lo­ren und die Welt an den Rand des Ruins getrie­ben hat­ten. Bei sol­chen unrühm­li­chen Aktio­nen immer ganz vor­ne mit dabei sind natür­lich unse­re Schwei­zer Ban­ken. Dass in den Vor­stän­den die Moral schon lan­ge der tota­len Gewinn­ori­en­tie­rung gewi­chen ist, haben schon eini­ge Skan­da­le vor­weg genom­men. Erin­nern wir uns an die Äffä­re “Mei­li”, wel­che eigent­lich eine Äffä­re “UBS” war! Wach­mann Mei­li ret­te­te die Akten nach­rich­ten­lo­ser jüdi­scher Ver­mö­gen vor dem Schred­der. Die Boul­vard­pres­se brand­mark­te ihn als Lan­des­ver­rä­ter. Aus­ge­klam­mert wur­de dabei, dass sich die UBS mit der Ver­nich­tung die­ser Akten klamm­heim­lich Mil­li­ar­den unter den Nagel reis­sen woll­te.

Der Ruf der Ban­ken brö­ckelt wie das Bank­ge­heim­nis, das eine qua­si-mafiö­se Ent­wick­lung der Ban­ken begüns­tig­te. Ban­ker wur­den als Tou­ris­ten in die USA geschickt, wo sie Anle­gern, sprich Steu­er­be­trü­gern, behilf­lich waren, ihr Geld auf Schwei­zer Kon­ten ver­schwin­den zu las­sen. Nur eine Garan­tie vor Straf­ver­fol­gung konn­te die­sen Anle­gern gege­ben wer­den: das Bank­ge­heim­nis. Rechts­hil­fe­ge­su­che von aus­län­di­schen Steu­er­be­hör­den waren bis­lang dar­an abge­prallt. Sin­ni­ger­wei­se rich­te­te sich die staat­li­che Auf­merk­sam­keit in Fol­ge der von den Ban­ken selbst ver­schul­de­ten Finanz­kri­se agres­siv auf die ent­gan­ge­nen Steu­er­ei­nah­men, wel­che unter ande­rem auf Schwei­zer Bank­kon­ten ver­mu­tet wur­den. Dem Begeh­ren der USA folg­te eine eil­fer­ti­ge Her­aus­ga­be von Finanz­da­ten. Obwohl die­se mitt­ler­wei­le vom Ver­wal­tungs­ge­richt gestoppt wur­de, bedeu­tet dies bereits eine wesent­li­che Rela­ti­vie­rung des Bank­ge­heim­nis­ses.

Auch unse­re direk­ten Nach­barn lecken Blut, ver­ständ­li­cher­wei­se. An der Gren­ze zu Ita­li­en ste­hen kei­ne Zöll­ner mehr son­dern Mit­glie­der der Guar­dia Finan­za, der ita­li­en­schen Finanz- und Wirt­schafts­po­li­zei. Ita­li­en setzt ein deut­li­ches Zei­chen, dass der Abfluss von Steu­er­gel­dern nicht län­ger gedul­det wird. Auch der fran­zö­si­sche Staat hat bereits sein Inter­es­se an gestoh­le­nen Finanz­da­ten aus der Schweiz bekun­det. Deutsch­land wird die­ses Tabu jetzt bre­chen. Nur die Öster­rei­cher regen sich nicht, da wir nicht nur die Alpen und das Ski­fah­ren son­dern auch das Bank­ge­heim­nis gemein­sam haben. Sie wer­den sich hüten, dar­an zu rüt­teln. Trotz­dem muss das Bank­ge­heim­nis in der heu­ti­gen Form einer grund­le­gen­den Reform unter­zo­gen wer­den. Das läu­tet nicht das Ende des Gol­de­nen Zeit­al­ters der Schwei­zer Ban­ken ein, denn dem haben unse­re Ban­ker im Wahn der Mass­lo­sig­keit schon sel­ber eine Ende gesetzt. Sinn und Zweck eines Bank­ge­heim­nis­ses kann und darf nicht sein, Steu­er­hin­ter­zie­hung und -betrug im Aus­land zu för­dern und ande­ren Län­dern einen emp­find­li­chen finan­zi­el­len Scha­den zuzu­fü­gen. Der ein­zi­ge politsch und recht­lich kor­rek­te Weg, der aus die­sem Schla­mas­sel führt, ist eine gründ­li­che Reform des Bank­ge­heim­nis­ses.

Mäch­ti­ge Finanz- und Wirt­schaft­krei­se wer­den sich dage­gen stem­men. Die SVP wird das Lied der Neu­tra­li­tät sin­gen und den Wohl­stand und die Exis­tenz unse­res Lan­des vom heu­ti­gen Bank­ge­heim­nis abhän­gig machen. Doch der klei­ne Mann und die klei­ne Frau soll­ten sich vor Augen füh­ren, dass das Bank­ge­heim­nis nicht ihnen son­dern den Rei­chen die­ser Welt, wel­che mit­tels Steu­er­be­trug noch rei­cher wer­den, dient. Es ist zu erwar­ten, dass eine Reform des Bank­ge­heim­nis­ses zu einer jah­re­lan­gen Erstar­rung der schwei­ze­ri­schen Innen- und Aus­sen­po­li­tik führt. Die eine Sei­te wird Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät for­dern, wäh­rend die ande­re zur Hel­le­bar­de der Geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­dung greift. Der aus­sen­po­li­ti­sche Druck wird wei­ter zuneh­men bis zur Uner­träg­lich­keit. Erst dann wer­den wir uns bewe­gen wie trot­zi­ge Bau­ernt­öl­pel, weil wir nicht anders kön­nen. Oder, Toni Brun­ner?

[d.z]

Wei­ter­füh­ren­de Links:
“Wir haben so viel Mist gebaut“1
Anwalt stellt Straf­an­zei­ge gegen Mer­kel2

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