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Blog von Dominic Zschokke

Ein Ver­rat an der Stadt Aar­au

Live-Musik war die See­le des Volks­fes­tes “Mai­en­zug-Vor­abend”. Dar­in sind sich fast alle Aar­au­er und regel­mäs­si­gen Besu­cher die­ses Anlas­ses einig. Der Stadt­rat von Aar­au hat nun ent­schie­den, aus Sicher­heits­grün­den die­sem Anlass die See­le zu ent­reis­sen, sprich Live-Musik zu ver­bie­ten. Noch ein paar Jah­re wer­den die Fest­bän­ke zum ers­ten Don­ners­tag im Juli auf­ge­stellt, dann kommt plötz­lich kei­ner mehr und der Mai­en­zug-Vor­abend ver­schwin­det, als hät­te es ihn nie gege­ben. So haben sich das eini­ge mili­tan­te Stadt­ver­bes­se­rer und -ver­schö­ne­rer seit Jah­ren gewünscht. Genau die­se Frak­ti­on wird aber jubi­lie­ren, wenn im Okto­ber Hun­der­tau­sen­de Volks­mu­sik­fans nach Aar­au strö­men, und in der Innen­stadt an allen Ecken und Enden Volks­mu­sik live dar­ge­bo­ten wird. Kon­se­quen­ter­wei­se wür­de der Stadt­rat ein Live-Musik-Ver­bot auch für das gigan­ti­sche Volks­mu­sik­fest erlas­sen müs­sen. Dar­auf wird er jedoch ver­zich­ten.

Die­se Inkon­se­quenz ent­larvt das Live-Musik-Ver­bot am Mai­en­zug-Vor­abend als poli­tisch. Der Mai­en­zug-Vor­abend war gewis­sen Krei­sen schon von Anbe­ginn ein Dorn im Auge. His­to­ri­sche Argu­men­te wur­den bemüht, um dem Vor­abend die Exis­tenz­be­rech­ti­gung abzu­spre­chen. Stich­pro­ben­ar­ti­ge Alko­hol­tests hin­sicht­lich der Abga­be von Alko­hol an Kin­der wur­den durch­ge­führt, mit dem Resul­tat, dass dies in Ein­zel­fäl­len natür­lich nicht zu ver­mei­den war. Wie auch an einem Anlass, wo Hun­der­te Frei­wil­li­ge unter Zeit­druck ein Bier nach dem ande­ren über die The­ke rei­chen? Der his­to­risch unbe­rech­tig­te Anlass, an dem Kin­der in Ein­zel­fäl­len Alko­hol kon­su­mie­ren, hat sich aber 26 Jah­re lang stand­haft gehal­ten. Nun scheint gemäss zuver­läs­si­gen Quel­len das Gut­ach­ten eines nament­lich nicht genann­ten Juris­ten die­sem Anlass den Gar­aus zu machen. Weder ein Panik­for­scher noch ein Sicher­heits­ex­per­te son­dern ein Jurist hat als Wur­zel allen Übels die Wagen, auf denen Live-Musik gespielt wird, aus­ge­macht. Nicht von unge­fähr ist aber genau die Live-Musik der eigent­li­che Anzie­hungs­punkt für Besu­cher des Mai­en­zug-Vor­abends.

Auch Fak­ten und Zah­len spre­chen gegen den Ent­scheid des Stadt­rats. Der Mai­en­zug-Vor­abend hat seit Jah­ren rück­läu­fi­ge Besu­cher­zah­len. Die Gas­sen der Alt­stadt sind seit eini­gen Jah­ren auch bei gutem Wet­ter begeh­bar. Das Gedrän­ge hält sich im Rah­men. Gewiss wür­de eine Mas­sen­pa­nik trotz­dem zu Ver­letz­ten oder Toten füh­ren. Seit 26 Jah­ren hat sich jedoch nichts der­glei­chen zuge­tra­gen. Der Grund dafür ist der fried­li­che Volks­fest-Cha­rak­ter des Mai­en­zug-Vor­abends. Auf kei­nen Fall lässt sich die­ser Anlass mit dem Super­gau einer Duis­bur­ger Love Para­de ver­glei­chen. Der Jurist, der das betref­fen­de Gut­ach­ten ver­fasst hat, hat jedoch nicht nur Sicher­heits­ri­si­ken son­dern vor allem Ver­ant­wort­lich­kei­ten aus­ge­macht. Dies betrifft die Sicher­heits­ver­ant­wort­li­che der Stadt Aar­au, eine ehe­ma­li­ge Coif­feu­se, und natür­lich den Chef der Stadt­po­li­zei Aar­au. Letz­te­rer habe an Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen für Aar­au­er Wir­te den Teu­fel an die Wand gemalt: Er sähe sich und sei­ne Fami­lie schon in einer Ein-Zim­mer-Woh­nung hau­sen, falls etwas pas­sie­re. (Wer denkt denn schon an die Opfer…)

Ver­ant­wor­tung zu tra­gen, bedeu­tet nicht, ihr aus dem Weg zu gehen. Wer so denkt und han­delt, ist nicht geeig­net, Pos­ten mit Ver­ant­wor­tung zu beset­zen. 26 Jah­re lang waren die Ver­ant­wort­li­chen in der Lage, mit die­ser Ver­ant­wor­tung umzu­ge­hen. 26 Jah­re lang ist der Mai­en­zug-Vor­abend ohne nen­nens­wer­te Zwi­schen­fäl­le ver­lau­fen. Nur weil ein nament­lich nicht genann­ter Jurist, ein Gut­ach­ten ver­fasst, soll im Jah­re 2015 alles anders sein. Das ist für den­ken­de Men­schen schwer nach­zu­voll­zie­hen. Der Stadt­rat Aar­au hält auch nach Erhalt einer Peti­ti­on an die­sem Ver­bot fest und ver­liert damit sei­ne Glaub­wür­dig­keit. Wer meint, es gin­ge nur um das Ver­bot von Live-Musik, täuscht sich. Es geht tat­säch­lich um die stil­le Abschaf­fung des Mai­en­zug-Vor­abends. Der Vor­abend passt nicht mehr in die bie­de­re Aus­rich­tung des Stadt­mar­ke­tings.

Kon­ser­ven-Musik (DJs) sol­len nach wie vor erlaubt sein, weil die­se schein­bar nicht zu sicher­heits­ge­fähr­den­den Men­schen­an­samm­lun­gen füh­ren wür­den. Das ist ein Trug­schluss. Zwei, drei leicht beklei­de­te Damen, die zu Kon­ser­ven­mu­sik auf der The­ke tan­zen, wer­den den­sel­ben Effekt haben. Der kom­men­de Mai­en­zug-Vor­abend wird vie­le Schein­ar­gu­men­te Lügen stra­fen und zei­gen, ob es sich beim jetz­ti­gen Live-Musik-Ver­bot um Dumm­heit oder poli­ti­sches Kal­kül han­delt. Ich glau­be, dass poli­ti­sches Kal­kül im Spiel ist, und kom­me des­halb nicht umhin, das Ver­bot von Live-Musik am Mai­en­zug-Vor­abend als stil­le Abschaf­fung die­ses Volks­fes­tes und als Ver­rat an die­ser Stadt, ihrer Bür­ger, Ein­woh­ner und Freun­de zu bezeich­nen.

Domi­nic Zschok­ke

Wei­ter­füh­ren­de Links:
Kom­men­tar in der Aar­gau­er Zei­tung von H. Kel­ler1

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