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Blog von Dominic Zschokke

Will­kom­men im Über­wa­chungs­staat Schweiz!

Ich heis­se Sie ganz herz­lich im Über­wa­chungs­staat Schweiz will­kom­men! Seit dem ers­ten März 2018 dür­fen Sie sich nun ganz sicher füh­len, denn die gesam­te Kom­mu­ni­ka­ti­on aller Ter­ro­ris­ten und Ver­bre­cher wird nun in der Schweiz lücken­los über­wacht. Ganz neben­bei wird auch Ihre gesam­te Inter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on auf­ge­zeich­net und für ein hal­bes Jahr gespei­chert. Der Staat weiss nun, dass sie die­ses «auf­rüh­re­ri­sche» Blog lesen. Füh­len Sie sich nun immer noch so sicher? Aber ja doch, wer ja nichts zu ver­ber­gen hat, hat auch nichts zu ver­lie­ren! Den­ken Sie nur ein­mal an unse­re Fir­men; die haben doch nichts zu ver­ber­gen. Oder viel­leicht doch? Fir­men­ge­heim­nis­se? Gut, der Über­wa­chungs­staat Schweiz garan­tiert uns, dass er kei­ne Inhal­te durch­schnüf­felt. Nein, er lässt ja nur Meta- und Ver­bin­dungs­da­ten spei­chern. Kaum ist das neue BÜPF in Kraft getre­ten, zei­gen Recher­chen des Schwei­zer Fern­se­hens1, dass die Pro­vi­der jedoch viel mehr spei­chern, näm­lich die gesam­te Surf-Histo­ry von Inter­net­an­wen­dern. Somit lässt sich lücken­los nach­voll­zie­hen, wer was wo wann und wie auf­ge­ru­fen hat, also auch Inhal­te, sofern sich die­se in kei­nem geschütz­ten Bereich befin­den. Das betrifft die gros­se Mehr­heit aller Inter­net-Inhal­te, wel­che heu­te “zum Glück” mit per­ma­nen­ten Adres­sen ver­se­hen sind, d.h., sie ver­schwin­den nicht ein­fach so.

Schönheit liegt im Auge des Überwachers

I see you, I hear you, I’m inte­rested in you.

Kaum hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EUGH) die anlass­lo­se Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gekippt2, stürzt sich die Schweiz in das aus­sichts­lo­se Aben­teu­er der flä­chen­de­cken­den Über­wa­chung. Alle Inter­net-Nut­ze­rinn­nen sind nun auf dem Radar der staat­li­chen Über­wa­chung ange­kom­men. Alle? Nein, Tech­no­lo­gie-Ver­sier­te kön­nen sich die­ser Über­wa­chung mit Leich­tig­keit ent­zie­hen. Die­se Tech­no­lo­gi­en ste­hen auch Otto Nor­mal­ver­brau­cher zur Ver­fü­gung. Dazu spä­ter mehr. Die Über­wa­chung trifft also zual­lerst ein­mal die gros­se Mehr­heit der unbe­darf­ten Inter­net-Sur­fer. Die Ver­bin­dungs­in­for­ma­tio­nen von Herrn oder Frau Mus­ter­bür­ger, die manch­mal klamm­heim­lich ihren Sex-Fan­ta­si­en auf dem Inter­net nach­ge­hen, sind nun nach­voll­zieh­bar gespei­chert. Wer dort die dünn­ne Linie über­schrei­tet, könn­te schon bald Pro­ble­me bekom­men. Sie füh­len sich jetzt gewiss immer noch sicher vor den bösen Ter­ro­ris­ten, die auf dem Inter­net Anschlä­ge pla­nen, oder vor den fie­sen Hacker-Ver­bre­chern, wel­che die IT-Infra­struk­tur des Bun­des angrei­fen. Wir haben anschei­nend schon ver­ges­sen, dass es für sol­che Pla­nun­gen gar kein Inter­net braucht. Tat­säch­lich gibt es noch — wir stau­nen — die Off­line-Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Jetzt klebt ihnen der eige­ne Staat sprich­wört­lich am Arsch.

Kon­se­quen­ter­wei­se müss­te der schwei­ze­ri­sche Total-Über­wa­chungs­staat also sämt­li­che Off­line-Ver­bin­dungs-Daten aller Schwei­ze­rin­nen regis­trie­ren: Blo­cher trifft Mör­ge­li am Mitt­woch, dem 14. März 2018, um 19:15 Uhr in der Kro­nen­hal­le in Zürich (Typ: Ver­bin­dungs­da­ten) — zwecks Bespre­chung einer Dop­pel­kan­di­da­tur für den Bun­des­rat (Typ: Inhalts­da­ten). Beru­hi­gen Sie sich gleich wie­der: das war nur ein fik­ti­ves Bei­spiel. Aber war­um über­wacht denn unser Staat all die­se poten­zi­ell kon­spi­ra­ti­ven und mut­mass­lich ter­ro­ris­ti­schen Off­line-Akti­vi­tä­ten nicht mit aller Här­te, wie das doch auch im Inter­net schon prak­ti­ziert wird? Es gibt zwei Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge. Ers­tens ist es nicht mög­lich und zwei­tens wür­de eine sol­che Über­wa­chung den Schwei­ze­rin­nen zu weit gehen. Im Inter­net ist die­se Total­über­wa­chung jedoch tech­nisch ein­fach zu rea­li­sie­ren. Zudem schei­nen die Schwei­ze­rin­nen die­sen Ein­griff in ihre digi­ta­le Pri­vat­sphä­re hin­zu­neh­men, obwohl sich ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on heu­te gröss­ten­teils im Inter­net abspielt. Gut, die Stimm­bür­ge­rin­nen haben es so — oder nicht anders — gewollt. Jetzt klebt ihnen der eige­ne Staat sprich­wört­lich am Arsch. Ja, die­se For­mu­lie­rung trifft es. Immer­hin betrifft die­se Total-Über­wa­chung auch die Law&Order-Fraktion, wel­che manch­mal mehr zu ver­ber­gen hat, als wir gemein­hin anneh­men. Da lohnt sich manch­mal nur schon ein Blick in gele­ak­te Daten­ban­ken, z.B. in jene von Ash­ley Madi­son3 (Washing­ton Post, engl.).

Wer halt nichts zu ver­ber­gen hat, hat halt auch nichts ver­lie­ren, oder?

Den Luxem­bur­ger Rich­tern zufol­ge greift die Spei­che­rung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten so sehr in das Grund­recht auf Ach­tung des Pri­vat­le­bens ein, dass die Daten­spei­che­rung „auf das abso­lut Not­wen­di­ge“ beschränkt wer­den muss.” (Zitat: faz.net2)
Wie­der ver­fal­le ich und Sie in ungläu­bi­ges Stau­nen: Die Euro­pä­er schüt­zen ihre Bür­ger bes­ser als wir Schwei­zer. Wir Dep­pen hin­ge­gen beschnei­den unse­re Grund­rech­te frei­wil­lig auf demo­kra­ti­scher Basis. Gut, das muss man als Demo­krat akzep­tie­ren. Sicher wer­den Sie es auch akzep­tie­ren, wenn der gros­se Bru­der aus Über­see an die Türe klopft und die Her­aus­ga­be von Daten ver­langt. Kei­ne Sor­ge, wir wer­den nicht Nein sagen. Sicher wer­den Sie es auch akzep­tie­ren, wenn eine Hacker-Grup­pe die hal­be Schweiz de-anony­mi­siert und ihre Ver­bin­dungs­da­ten offen­legt. Wer garan­tiert Ihnen, dass genau dies nicht geschieht? Der Über­wa­chungs­staat Schweiz auf jeden Fall garan­tiert das nicht, zumal er die Daten ja bei pri­va­ten oder halb-pri­va­ten Pro­vi­dern erhe­ben lässt. Füh­len Sie sich noch immer sicher vor Ter­ro­ris­ten und Online-Ver­bre­chern? Wer halt nichts zu ver­ber­gen hat, hat halt auch nichts ver­lie­ren, oder? Sind Sie schon ein biss­chen unsi­cher gewor­den? Emp­fin­den Sie schon ein gewis­ses Unbe­ha­gen dem Staat gegen­über? Gut, dann schau­en wir wei­ter.

Wir haben unse­re Frei­heit einer trü­ge­ri­schen Sicher­heit geop­fert.

Unse­re digi­ta­le Wirt­schaft, die nun im Kan­ton Zug soeben zum Cryp­to­cur­ren­cy-Eldo­ra­do wer­den möch­te, preist ger­ne die Sicher­heit ihrer Infra­struk­tur an. Damit ist nun lei­der Schluss, denn der Staat kann nun von jedem Anbie­ter von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Dienst­leis­tun­gen die Erhe­bung und Her­aus­ga­be von Ver­bin­dungs­da­ten ver­lan­gen. Orga­ni­sa­tio­nen und Fir­men, wel­che ihre berech­tig­ten Geheim­nis­se Schwei­zer Fir­men anver­trau­en möch­ten, wer­den es sich jetzt zwei Mal über­le­gen. Stand­ort­vor­tei­le, ganz zu schwei­gen von unse­ren Grund­rech­ten, haben wir also auch gleich einer zwei­fel­haf­ten Sicher­heit geop­fert. So, jetzt soll­ten wir lang­sam an den Punkt gekom­men sein, an dem wir fest­stel­len, dass wir einen rie­si­gen Feh­ler gemacht haben: Wir haben unse­re Frei­heit einer trü­ge­ri­schen Sicher­heit geop­fert. Ja, die­se Sicher­heit ist trü­ge­risch, denn ich zei­ge Ihnen nun, wie Ter­ro­ris­ten oder auch Sie als unbe­schol­te­ne Bür­ge­rin die­ser Über­wa­chung spie­lend und legal ent­ge­hen kön­nen. Wenn Sie Ihre Pri­vat­sphä­re zurück haben wol­len, lesen Sie wei­ter! Nein, das ist kei­ne Anlei­tung zu Straf­ta­ten, nein, das ist digi­ta­le Selbst­ver­tei­di­gung für rechts­kon­for­me Bür­ge­rin­nen.

  •  Sur­fen Sie in einem öffent­li­chen Netz! Easy 😉
  • Nut­zen Sie den Tor-Brow­ser4. Er anony­mi­siert ihre IP-Adres­se. Emp­foh­len gera­de oder auch in öffent­li­chen Net­zen.
  • Betre­ten Sie ganz legal das Dark Web mit I2P5 oder freenetproject.org6. Das sind getarn­te und ver­schlüs­sel­te Net­ze auf der bestehen­den Inter­net-Infra­struk­tur. Dort lässt sich ganz legal und sicher kom­mu­ni­zie­ren. Ver­bre­chen sind dort natür­lich auch mög­lich, aber damit wol­len wir nichts zu tun haben, wie im rich­ti­gen Leben halt.
  • Für ein biss­chen Fort­ge­schrit­te­ne­re: Nut­zen sie die tor-basier­te Linux-Dis­tri­bu­ti­on Who­nix7 in vir­tu­el­len Maschi­nen auf einem dedi­zier­ten Com­pu­ter. Da gucken Über­wa­cher wirk­lich in die Röh­re. Da spielt es fast kei­ne Rol­le in wel­chem Netz Sie sich bewe­gen. Edward Snow­den emp­fiehlt die Linux-Dis­tri­bu­ti­on «Tails8».
  • Mie­ten Sie sich ein VPN9 bei einem ver­trau­ens­wür­di­gen Anbie­ter! Ihre Akti­vi­tä­ten las­sen sich nicht nach­voll­zie­hen. Anmer­kung: Schwei­zer VPN-Anbie­ter müs­sen nun natür­lich Ver­bin­dungs­da­ten erhe­ben. (Ade Stand­ort­vor­teil!) Wich­tig: Mei­den Sie den Gra­tis-VPN-Anbie­ter hola.org. Er macht Sie unge­fragt zu einem Exit-Kno­ten, der ihre IP-Adres­se mit den Hand­lun­gen ande­rer in Ver­bin­dung bringt.
  • Nut­zen Sie das rela­tiv neue Zero­net10 in Ver­bin­dung mit Tor. Die Daten sind über­all und nir­gends. Ziem­lich krea­ti­ver Ansatz, der die Anfän­ge eines dezen­tra­len Net­zes ohne Ser­ver skiz­ziert! Hor­ror für Über­wa­chungs-Freaks.
  • Nut­zen Sie für ver­trau­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on einen siche­ren ver­schlüs­sel­ten Mes­sen­ger auf ihrem Mobil­ge­rät. Nein, Whats­app ist nicht sicher, Sky­pe ist nicht sicher. Nut­zen Sie: Signal11, Tele­gram12 oder Three­ma13. Bei letz­tem Mes­sen­ger muss man jetzt lei­der, lei­der sagen: Ach­tung, Stand­ort Schweiz! Etli­che viel­ver­spre­chen­de Mes­sen­ger-Apps sind in Arbeit.
  • Am bes­ten lei­ten Sie die gan­ze Kom­mu­ni­ka­ti­on Ihres Mobil­ge­rä­tes über Tor14 oder ein VPN Ihrer Wahl.
  • Ach­ten Sie bei Web­sei­ten dar­auf, dass die Ver­bin­dung ver­schlüs­selt über HTTPS her­ge­stellt wird.
  • Deak­ti­vie­ren Sie Plug-Ins wie Ado­be Flash. Die­se Soft­ware ist unsi­cher und feh­ler­haft. Vide­os kön­nen heu­te ohne die­ses Plug-in abge­spielt wer­den. (Der Tor-Bro­wer schliesst sol­che Lücken von Vor­he­r­ein aus.)
  • Zum Schluss: INFORMIEREN SIE SICH ÜBER DIE SOFTWARE, DIE SIE EINSETZEN! Ver­trau­en Sie weder mir noch den Anbie­tern von Soft­ware blind.

So, nun sind Sie eini­ger­mas­sen vor staat­li­cher Ver­fol­gung geschützt. Mer­ken Sie sich fer­ner: Soll­ten Geheim­diens­te oder Hacker gezielt auf ihre Gerä­te zugrei­fen wol­len, kön­nen Sie sich dage­gen nahe­zu nicht weh­ren. Gehen Sie nun trotz­dem ganz anonym und ent­spannt Ihrer ehr­li­chen Arbeit nach. Noch was: Wenn Sie wis­sen wol­len, wie Sie sich gegen die pene­tran­te Online-Wer­be-Indus­trie schüt­zen kön­nen, lesen Sie mei­nen letz­ten Bei­trag.

Ansons­ten viel Spass im Über­wa­chungs­staat!

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CC BY-NC 4.0 Will­kom­men im Über­wa­chungs­staat Schweiz! von Domi­nic Zschok­ke ist lizen­ziert unter Crea­ti­ve Com­mons Namens­nen­nung-Nicht­Kom­mer­zi­ell 4.0 inter­na­tio­nal.

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2 thoughts on “Will­kom­men im Über­wa­chungs­staat Schweiz!

  • Dominic Zschokke sagt:

    @Horst: Ich dan­ke Dir für die­sen Kom­men­tar. Ich glau­be, die CH-Bevöl­ke­rung ver­steht tat­säch­lich nicht, was da so alles abgeht. Igno­rant halt, wie Du sagst. Tat­säch­lich wird es auch immer schwie­ri­ger ohne Smart­pho­ne zu leben. Etli­che Online-Zah­lun­gen müs­sen bereits per App bestä­tigt wer­den. Sonst geht nichts… Aus­wan­dern, hmmm, das ist eine Idee. Aber wo wird die Frei­heit und Pri­vat­sphä­re denn über­haupt noch respek­tiert? Süd-Geor­gi­en viel­leicht 😉 Schö­nen Tag noch trotz allem!

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  • Horst sagt:

    Was mich am meis­ten stört ist die igno­ran­te und dum­me Hal­tung der Schwei­zer Bevöl­ke­rung. Die ver­drän­gen die Tat­sa­che dass sie sich nicht wirk­lich frei bewe­gen kön­nen. Vie­le begrei­fen auch gar nicht was da vor sich geht. Wäh­rend die Deut­schen dage­gen kämp­fen wird bei uns in der direk­ten Demo­kra­tie der Total­über­wa­chungs­staat ein­ge­führt. Zum Glück habe ich kein Smart oder Mobile­pho­ne. Das dämpft die Über­wa­chung erheb­lich. Nur wie lan­ge dau­ert es wohl bis Smart­pho­nes Pflicht wer­den weil man sonst nichts mehr bezah­len kan­no der kei­ne öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel mehr benut­zen kann. Ich mache jetzt noch ein paar Anti Über­wa­chungs T-Shirts und dann schaue ich, wohin ich am bes­ten aus­wan­de­re. Solan­ge man noch die Schweiz ver­las­sen darf.

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